Die Gabe der Marginalität. Von Oksana Zabuzhko

Jede Abreise ist im Grunde eine kleine Probe des Todes, mit einem Unterschied nur: Der Tod - welcher Tod auch immer - gibt uns nie eine so barmherzige Gelegenheit, hinter uns aufzuräumen.

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Du bist noch "hier", noch in dieser Phase deines Lebens, betrachtest sie aber schon von der anderen Seite, mit distanziertem Blick, in Kinozeitlupe ... - und wunderst dich wieder einmal, wie schnell du an jedem neuen Ort, als wärst du eine fest im Boden sitzende Weide, unzählige weit verzweigte Wurzeln aus eng verflochtenen Anlässen und Verpflichtungen schlägst.

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Das Verweilen an der Grenze zwischen "Nicht-mehr-hier" und "Noch-nicht-dort". Diese Grenze aber, schmal und schwer erkennbar, wie es sich für eine Grenze gehört, muss man erst einmal fühlen, und nicht bloß überspringen.
Kurz Gesagt: nötig ist die Gabe der Marginalität.

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Hartnäckig, auf Küken-Art, jedes schützende Ei aufzuhacken, und das mit einem einzigen meschuggenen Ziel: den Kopf nach draußen zu schieben. Etwas Ähnliches kommt, so sagt man, unter Bergsteigern vor oder denen, die im Krieg waren: Wer einmal den scharfen, narkotisierenden Trank der tödlichen Gefahr und der sie begleitenden blitzschnellen Anspannungen aller inneren Reserven gekostet hat, spürt nicht mehr den Geschmack eines ausgeglichenen, normal-sicheren Lebens. Es schmeckt ihm zu fade, und so quält er sich und sehnt sich insgeheim nach einer neuen Ration Drogen.

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Wie einer von den Russen treffend bemerkt hat, ist die Gabe des Schriftstellers die Gabe, aus dem Leben herauszufallen und dabei die Erinnerung daran zu bewahren. Sozusagen die Gabe der Selbstmarginalisierung, des Sich-Versetzens an den unbedruckten Rand, außerhalb der Klammern, die die Realität des Hier-und-Jetzt umschließen, um sie "von außen", "von der Seite" mit ästhetisch-formbildendem Blick zu erfassen und in Worte zu "packen".

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Die Massengesellschaft mit ihrem wahrlich barbarischen Drang zur Einebnung aller und jeglicher Grenzen und Abgrenzungen, hat alles daran gesetzt, den ewigen Antagonismus zwischen Leben und Schreiben auf die brutalste und wirksamste Weise niederzutrampeln: durch seine Entäußerung als Ware.

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Offenbar liegt es daran, dass die Menschheit dicht an jener Grenze angelangt ist, hinter der es keine Menschheit mehr gibt - und keiner weiß, ob es da überhaupt etwas gibt und überhaupt etwas bleiben wird außer kosmischer Finsternis. Und auf dieser Grenze leben kann man wirklich nur mit fest geschlossenen Augen.

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Alle sind wir heute auf diesem Planeten "Marginale", Rand- und Grenzbewohner, ausnahmslos alle, und nicht bloß die dreihundert Millionen Kriegsflüchtlinge und wer weiß wievielen hundert Millionen Emigranten, und nicht bloß die Völker jener Länder, die sich ... an den Rand der Geschichte gedrängt fühlen, obwohl sie zahlenmäßig die Mehrheit bilden. ... Wir sind Grenzbewohner allein aufgrund der Tatsache unserer Artenzugehörigkeit zum Homo sapiens, dem großen Marginalen, dem freiwillig aus Mutter Natur Vertriebenen. Jahrhundertelang nagte er fleißig an der Nabelschnur, die ihn mit ihr verband. Es bleibt fast nichts mehr, buchstäblich ein dünner Faden, ein paar lächerliche Fasern. Noch trägt uns die Erde, sichtlich aber nur mit größter Mühe, mit enormen, und ständig wachsendem Widerwillen.

(Graz, November 2002)
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