Montag, 6. August 2012

Ueber die Dauer einer Stunde

Der Camping-Manager hat mir in klapprigem Englisch erklaert, wie man von dem netten Vorort, wohin mich der Reisefuehrer gelockt hatte, wieder nach Palermo kommt. Zuerst Bus 616 bis zum Stadion Communale, dann Nummer 101 quer durch die Altstadt bis zum Hauptbahnhof. In der Annahme, dass fuer den Rueckweg dasselbe gelten muesse, kuerzte ich meine abendliche Suche nach einem Internet-Cafe ab und verliess die zuvor stundenlang durchstreifte Altstadt. Aus Sicherheitsgruenden, wie es gar nicht meine Art ist, traf ich schon vor 21 Uhr beim grossen Kreisverkehr vor dem Stadion ein und ging auf die mir angewiesene Haltestelle zu. Drei grosse Tafeln standen dort auf Stangen, doch den Bus 616 fand ich erst auf der der Wiese zugewandten Seite. Um sicher zu gehen, fragte ich auch noch Passanten, die mir die Richtigkeit der gewuenschten Einstiegsstelle bestaetigten. Nach etwa einer halben Stunde, als bereits unzaehlige 258er, 110er sowie einige 638er gehalten hatten, traf eine Pfadfindergruppe an der Haltestelle ein. Das beruhigte mich, denn ich nahm an, dass die Jugendlichen zu der Diskothek unterwegs waren, die direkt neben meinem Campingplatz einige Stunden um Mitternacht das offene Meer und den nebenan liegenden Platz beschallte.
Weiters erinnere ich mich an die wohlgebaute Latina, die das Wartehaeuschen mit mir teilte, an den skeptisch blickenden alten Mann, der in der Mitte der Bank sass, und an einige Teenager, die sich auf der Einfriedung der vertrockneten Blumenbeete niederliessen.
Als ein 615er hielt, sprang ich in den Bus hinein und hielt dem Fahrer den Zettel mit meinen Busnummern unter die Nase. Er dachte aber nicht daran, um meinetwillen etwas von seiner Route abzuweichen, was doch aufgrund der Naehe der Bezeichnungen nur ein geringfuegiger Umweg sein konnte. Auch bei anderen Bussen, die auf irgendeine Weise Aehnichkeit mit dem ersehnten 616er hatten, versuchte ich erfolglos mein Glueck. Ich hatte auf Italienerart tagsueber kaum gegessen und erwog jetzt, anstelle des sterilen Fischlokals in der Naehe des Campingplatzes bereits vorher im Dorf auszusteigen, wo ich beim Herfahren einige nette Strandlokale gesehen hatte.
Von meinemn Standplatz aus konnte ich bereits die Busse sehen, die an der gegenueberliegenden Abzweigung in den Kreisverkehr einbogen. Besonders die erste Ziffer der digitalen Anzeige war gleich zu erkennen und erweckte gleich meine Aufmerksamkeit, bei den anderen Ziffern wollte ich mich nicht gleich festlegen.
Erstaunlich viele Motorraeder und Roller zogen durch das Kreisrund, und bewundernd sah ich den leichtfuessigen Fahrzeugen nach, die fuer meine Stecke wohl kaum eine halbe Stunde gebraucht haetten. Da schlurfte ein riesiger Mann mit steifen Beinen spastisch auf die Station zu und fixierte die Wartenden mit starrem Blick, um sich dann dazuzustellen und dann und wann ein paar Schritte in verschiedene Richtungen zu machen. Spaeter sah ich ihn an der hellsterleuchteten Stelle am gegenueberliegenden Strassenrand xbeilig vor einem Gebuesch stehen und sich ueber das Eisengitterchen zu beugen. Immer wieder liefen einige der Pfadfinder in Zweier- oder Dreiergrueppchen ueber die Strasse, wohl um in einem fuer mich nicht sichtbaren Lokal etwas zum Trinken zu kaufen.
Zuweilen kreuzte einer dieser schnittigen Flughafenbusse die Fahrbahn, natuerlich ohne die stumpf Wartenden auch nur eines Blickes zu wuerdigen. Am naechsten Tag erfuhr ich dann, dass der Bus fuer die etwa 20km bis zum Flughafen auch eine Stunde braucht wie die Bahn, und dazu noch um einige Cents teurer ist. Waehrend meine Gedanken immer wieder zum erhofften Abendesen mit dem angenehmen kalten Weisswein abirrten und meine Blicke in Abstaenden auf die Latina trafen, hielt auf einmal ein 235er, und alle Pfadfinder sowie der Passant, der mir die Richtigkeit der Haltestelle versichert hatte, stiegen ein.
Der Mond, den ich hatte sumpfgruen hinter einem Hochhaus aufgehen sehen, ueberquerte mittlerweile die Siedlung und strahlte ein milchigfahles Licht aus. Jedes Mal, wenn ich mir nachdenklich ans Kinn fasste und Alternativen und Auswege erwog, waren die Bartstoppeln laenger geworden, und ich liess mich nun, ohne in meiner Zuversicht auch nur im Geringsten nachzulassen, auf die Bank nieder, die ich nur mehr mit einem alten Mann teilen musste. Ich bemerkte, dass die Fahrzeuge, die nun das Kreissegment durchqueerten, immer aelter und klappriger wurden. Eine Beiwagenmaschine ratterte wie ein Propellorflugzeug vorueber, spaeter sah ich einen alten Fiat ohne Fenster und ohne Licht. Auch die Wege, die sie beschrieben, schienen immer weniger zielgerichtet und stattdessen gelangweilt oder tollkuehn. Dass schliesslich tatsaechlich ein 616er gehalten und den alten Mann und mich, beide schweigend, in den abgelegenen Vorort am Strand befoerdert haette, kann ich mich kaum mehr erinnern. Meine letzten Tageseindruecke zeigen mehrere neonbeschienene Teller mit unzaehligen saugnapfbesetzten Krakenarmnen und von Spagettischlangen umwickelte Garnelenfuesschen.

Die Sizilianer

*sind sehr leicht von den anderen Italienern zu unterscheiden, was sich ohne Weiteres auf ihr insulaeres Vorkommen und auf ihre bewegte Geschichte zurueckfuehren laesst.
Beispielsweise sehen die hier im Fischrestaurant tafelnden Familien allesamt wie unauffaellige Deutsche aus, mit ihren Stoppelfrisuren und Kinnbaertchen, kahlen Koepfen und Spitzbaeuchen. Einzig die Kinder, die um 1/2 12 noch immer froehlich am Tisch glucksen, unterscheiden sie von den weiter noerdlich niedergelassenen Nachfahren der Normannen. Aber auch die Araber, die Jahrhunderte lang die Insel beherrschten, haben ihre Merkmale hinterlassen, nicht immer so deutlich wie bei dem marokkanischen Kellner, dessen Gesichtshaus sich ueber den Backenknochen spannt, wenn er laechelt. Aber die schmalen Hakennasen der Frauen sind erwiesenermassen das Andenken dieser Vorfahren, und ihre schwarzen Locken und dunklen Augen bestaetigen dies fuer jeden Zweifler. Ich habe aber auch schon langhaarige maennliche Exemplare mit Pferdeschwaenzen und Taetowierungen gesehen, die breitbeinig am Flughafen oder in Banken herumstehen und mit grimmigen und zugleich gelangweilten Blicken umherschweifen und ihre roemische Herkunft nicht verbergen koennen. Das heisse Temperament, das gegen Mitternacht aus den Braungebrannten hervorbricht, ist jedoch eindeutig eine spanische Hinterlassenschaft, zusammen mit den barocken Palazzi und Kirchenausstattungen. Dennoch kann das alles nicht verhindern, dass die lange Zeit der byzantinischen Herrschaft auch zum Ausdruck kommt in den schlanken, schmalgesichtigen Frauen mit der broncefarbenen Haut und dem honigblonden Haar, das meist in Knoten am Hinterkopf gedreht ist und freche Spitzen in alle Richtungen emporstreckt.

Palermo

* braucht gar keine Mafia, die Stadt hat auch so genug mit sich zu tun.
Die gewundenen Gassen lassen dann und wann einen Bergruecken in der Ferne erscheinen, aber niemals das Meer. In Wellen dringen sie in die Tiefe der Stadt und verzweigen sich an den unuebersichtlichsten Stellen.Wo du kaum mehr Luft bekommst in den dampfenden Kuechenausduenstungen, tritt ploetzlich unerwartet ein Platz zur Seite und laesst Licht herein in die Haeuserschlucht, aber nur fuers Auge, nicht fuer die Kamera, die mehr Distanz braeuchte - geoeffnet und versteckt zugleich - und natuerlich fuer die Waesche, die auf den Eisenbalkonen haengt.
Die Dichte dieser Stadt findet den besten Ausdruck in den Strassenmaerkten, wo sich bunte Menschenmengen durch aufgeschichtetes Gemuese draengen und mit Eis beschwerte Fischleiber, mit bisweilen furchterrregend starren Blick und bizarren Gestalten. Sizilianer preisen mit arabischen Donnerstimmen ihre Waren an, Schwarzafrikaner schleppen Saecke oder thronen mit stoischen Minen in Hauseingaengen. Chinesen oder Latinos balancieren Trauben von weissen Einkaufssaecken durch die Verkaufstischemit entschlossenen Gesichtern , auf denen man die geplanten Mittagsgerichte zu erkennen meint, nach Hause. Nicht einmal in den kleinen Geschaeften ist ein Entkommen, wo in dunklen Eingaengen wieder Gedraenge wartet, dass kaum ein Blick auf die Regale schliessen laesst, was hier zu kaufen waere.
Nur die Kirchen. Dort herrscht Stille. Selbst die Ventilatoren sind hier geraeuschlos, bestaetigen umso mehr die Bewegungslosigkeit. Und so scheint es sich wie aus der Natur zu ergeben, dass stets einige Menschen in den Baenken sitzen, wie Vergessene vom schnellen Gang der Stadt

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